Anerkennung der Präventionsarbeit: Sport und Kirche schließen Kooperation

Spitzentreffen in Stuttgart: Sportpräsidenten, Landesbischöfin und Bischöfe unterzeichnen Kooperationsvereinbarung bei Präventionsmaßnahmen.

Der Landessportverband Baden-Württemberg (LSVBW) und die drei Sportbünde in Baden-Württemberg sowie die beiden großen Kirchen im Land haben die wechselseitige Anerkennung von Schulungen zur Prävention sexualisierter/interpersoneller Gewalt vereinbart. Die beim 3. Spitzentreffen am vergangenen Donnerstag in Stuttgart unterzeichnete Kooperationsvereinbarung setzt beim vorbeugenden Vorgehen von Kirche und Sport auf gemeinsam festgelegte Standards und entlastet die Ehrenamtlichen, die oft sowohl im Sport als auch in der Kirche engagiert sind: Sie benötigen künftig nur noch eine Schulung.

Die Vereinbarung hält in einer Checkliste die Mindestanforderungen für die wechselseitige Anerkennung von Präventionsschulungen fest. Zu den verpflichtenden Inhalten der Schulungen zählen neben Sachinformationen zu Formen und Ausmaß von sexualisierter Gewalt sowie über Täterstrategien und Risikofaktoren insbesondere Verhaltensregeln und eine „Sensibilisierung für eine Kultur des Miteinanders“ mit Übungen zu Nähe/Distanz. Außerdem müssen die Schulungen über Handlungsmöglichkeiten bei Vermutungen sowie Hilfs- und Unterstützungsmöglichkeiten informieren. Die Vertragspartner können für ihren Regelungsbereich über den Mindeststandard hinaus weitergehende Anforderungen an ihre haupt- und ehrenamtlichen Mitarbeitenden stellen.

Vertragspartner sind auf Seiten des Sports der Landessportverband Baden-Württemberg (LSVBW), der Badische Sportbund Freiburg (BSB Freiburg), der Badische Sportbund Nord (BSB Nord) und der Württembergische Landessportbund (WLSB); auf Seiten der Kirchen sind dies die Evangelische Landeskirche in Baden, die Evangelische Landeskirche in Württemberg, die Erzdiözese Freiburg und die Diözese Rottenburg-Stuttgart.

Stärkung des Ehrenamts, Abbau von Bürokratie

„Menschen vor Grenzverletzungen und sexualisierter Gewalt zu schützen, geht uns alle an. Mit den Präventionsschulungen, die Engagierte in den Kirchen und im Sport absolvieren müssen, wird die Grundlage dafür geschaffen, dass mehr hingeschaut und weniger weggesehen wird“, sagte die badische Landesbischöfin Prof. Dr. Heike Springhart. „Wir übernehmen gemeinsam Verantwortung, dass Menschen in den Kirchen und im Sport vor Übergriffen geschützt sind. Die Vereinbarung, dass die Präventionsschulungen wechselseitig anerkannt werden, ist ein wichtiges Zeichen für diese gemeinsame Verantwortung und es nimmt das große Engagement von Ehrenamtlichen ernst.“

Nach den Worten von LSVBW-Präsident Jürgen Scholz gehen die Landeskirchen und die katholische Kirche in Baden und Württemberg zusammen mit dem organisierten Sport im Land „kurz vor Beginn der neuen Wahlperiode des Landtages von Baden-Württemberg mit der Unterzeichnung ihrer Kooperationsvereinbarung mit gutem Beispiel voran: Durch die gegenseitige Anerkennung der Qualifizierung ihrer Präventionsmaßnahmen stärken sie das ehrenamtliche Engagement in Kirchengemeinden und Sportvereinen vor Ort. Und verhindern dabei bürokratischen und zeitlichen Doppelaufwand der Engagierten.“

Der Rottenburg-Stuttgarter Bischof Dr. Klaus Krämer unterstrich als Gastgeber des Treffens die Bedeutung von Kirche und organisiertem Sport als „tragende Kräfte unserer Zivilgesellschaft“. Nachdem die Kirche die verbindende Kraft des Sports lange unterschätzt habe, „nehme ich mit großem Respekt wahr, wie kontinuierlich und verbindlich der Dialog zwischen Kirche und Sport gewachsen ist“, sagte er im Haus „Stella Maris“, dem Stuttgarter Dienstsitz des Bischofs.

Einheitliches Handeln der beiden größten Institutionen

Seit den 1960er-Jahren gibt es Landesarbeitskreise Kirche und Sport, und mit dem nun dritten Spitzentreffen seit 2019 pflegen Sportpräsidenten und Bischöfe auch den direkten Austausch darüber, was Kirche und Sport für das gesellschaftliche Miteinander leisten können. WLSB-Präsident Andreas Felchle zufolge ist diese langjährige Partnerschaft in Baden-Württemberg überdurchschnittlich gut und bundesweit vorbildlich: In Kirche und Sport werde „in erheblichem Maße gelebt, was unsere Gesellschaft braucht: Eigenverantwortung, Einsatz und das Bewusstsein der Mitverantwortung für eine gelebte Demokratie“, sagte Felchle.

„Wir sind die beiden größten Institutionen, die mit hunderttausenden von Ehrenamtlichen im Einsatz Menschen in ihrer Freizeit begleiten. Darum ist es notwendig, dass Kirche und Sport in Fragen der Prävention von sexualisierter Gewalt einheitlich handeln“, unterstrich Ernst-Wilhelm Gohl, Landesbischof der Evangelischen Landeskirche in Württemberg.

Auch für den Erzbischof von Freiburg handelt es sich um ein wichtiges Signal, dass Kirche und Sport hier zu einer gemeinsamen Verständigung gekommen sind. Erzbischof Stephan Burger war Gastgeber des vorangegangenen Spitzentreffens im Jahr 2023: „Die Vereinbarung dokumentiert den hohen Stellenwert des Schutzes der Würde und Unversehrtheit von Kindern, Jugendlichen und Schutzbefohlenen. Die intensive Zusammenarbeit zur Vorbereitung des Dokuments zeigt, dass Kirche und Sport über die formulierten Ziele hinaus viele gemeinsame Werte einen.“

Für den Präsidenten des BSB Nord Gert Rudolph ist „ein sicheres und vertrauensvolles Umfeld das Fundament, auf dem Begeisterung für den Sport wächst. Mit der gegenseitigen Anerkennung von Präventionsmaßnahmen setzen wir ein starkes Zeichen für den Kinderschutz und entlasten gleichzeitig unsere Ehrenamtlichen spürbar von bürokratischen Hürden. Die Kooperation mit den Kirchen ist daher weit mehr als ein administrativer Akt – sie ist eine Investition in die Zukunft unserer Vereine.“

"Kultur des Hinschauens und Handelns"

Dass die beispielhafte Vereinbarung zum Schutz junger Menschen „innerhalb und außerhalb unseres Bundeslandes in allen gesellschaftlichen Gruppierungen möglichst viel Nachahmung finden“ möge, wünschte der Präsident des BSB Freiburg, Gundolf Fleischer. „Durch klare Zuständigkeiten, verlässliche Ansprechpersonen, transparente Verfahren und eine Kultur des Hinschauens und Handelns wird im Rahmen der Vorbeugung Optimales erreicht. Dies bedarf nunmehr der täglichen Umsetzung und der aktuellen Fortschreibung bei neuen Erkenntnissen." Gewaltprävention bleibe eine Daueraufgabe und müsse alle Formen der Gewalt im Blick haben, also auch physische und psychische Gewalt, betonte Fleischer. In dem verabschiedeten Dokument ist eine regelmäßige gemeinsame Prüfung und ggf. Anpassung der vereinbarten Mindeststandards festgeschrieben.

Im zweiten Teil des Spitzentreffens sind am Donnerstag weitere gesellschaftspolitische Themen wie Stärkung und Würdigung des ehrenamtlichen Engagements durch das Land und Aktivitäten von Kirchen und Sport zum gesellschaftlichen Zusammenhalt in den Blick genommen worden.

Ordinariatsrätin Karin Schieszl-Rathgeb, Leiterin der Hauptabteilung XI - Kirche und Gesellschaft in der Diözese Rottenburg-Stuttgart, die das Treffen moderierte, dankte allen am Zustandekommen der Vereinbarung Beteiligten, insbesondere den Beauftragten für die Prävention Sexualisierter Gewalt in den einzelnen Institutionen.   

LSVBW und Sportbünde sowie die beiden großen Kirchen in Baden-Württemberg haben die wechselseitige Anerkennung von Schulungen zur Prävention sexualisierter Gewalt vereinbart. Im Haus „Stella Maris“ in Stuttgart unterzeichneten die Spitzenvertreter der beteiligten Institutionen eine entsprechende Vereinbarung. (v.l.n.r.) Gert Rudolph, Ernst-Wilhelm Gohl, Stephan Burger, Jürgen Scholz, Prof. Dr. Heike Springhart, Andreas Felchle, Dr. Klaus Krämer, Gundolf Fleischer. Foto: Diözese Rottenburg-Stuttgart / Jerabek

Kontakt

Michael Titze

0721/18 08-10

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